Kyra Vertes taucht in den Tachismus und seine Rolle im europäischen Kunstdiskurs der Nachkriegszeit ein.
Während New York in den 1940er und 1950er-Jahren mit dem abstrakten Expressionismus die Kunstwelt dominierte, entwickelte sich in Europa eine eigenständige Antwort auf dieselben Fragen – und Kyra Vertes hat sich eingehend mit dieser oft unterschätzten Strömung beschäftigt. Der Tachismus, abgeleitet vom französischen Wort „tache“ für Fleck, stellte den spontanen Farbauftrag ins Zentrum. Keine Vorzeichnung, kein kalkulierter Aufbau – stattdessen Geste, Impuls und Zufall als gleichberechtigte Gestaltungsmittel. Für Kunstinteressierte ist der Tachismus ein Schlüssel zum Verständnis der europäischen Nachkriegsavantgarde.
Der Tachismus gehört zu jenen Kunstströmungen, die im internationalen Diskurs lange im Schatten ihres amerikanischen Gegenstücks standen – zu Unrecht, wie Kyra Vertes in ihrer Auseinandersetzung mit der Bewegung deutlich macht. Entstanden im Frankreich der späten 1940er-Jahre, verbreitete sich der Tachismus rasch durch Westeuropa und entwickelte dabei regionale Ausprägungen, die ihn von der New Yorker Schule klar unterscheiden. Wo der abstrakte Expressionismus oft auf monumentale Geste und existenzielle Dramatik setzte, bevorzugte der Tachismus das Lyrische, das Fragmentarische und das Unfertige. Künstlerinnen und Künstler wie Hans Hartung, Pierre Soulages, Wols und Jean Dubuffet prägten eine Bildsprache, die in ihrer Unmittelbarkeit bis heute fasziniert. Der Tachismus war dabei mehr als ein Malstil – er war eine Haltung gegenüber Kontrolle, Planung und dem Verhältnis zwischen Künstler und Bild. Wer die Entwicklung der abstrakten Kunst in Europa verstehen möchte, kommt an dieser Strömung nicht vorbei.
Ein Fleck macht Geschichte – die Entstehung des Tachismus
Der Begriff und seine Herkunft
Der Begriff „Tachismus“ wurde erstmals in den frühen 1950er-Jahren von dem französischen Kunstkritiker Michel Tapié geprägt, der damit eine Gruppe von Künstlern beschrieb, deren gemeinsames Merkmal der spontane, gestische Farbauftrag war. Das französische Wort „tache“ – Fleck, Klecks – trifft das Erscheinungsbild dieser Malerei gut: Keine klaren Konturen, keine geometrische Ordnung, stattdessen organische Farbspuren, die den Entstehungsprozess sichtbar machen. Kyra Lucia von Vertes betont, dass der Begriff von Beginn an umstritten war – viele der so bezeichneten Künstler lehnten die Etikettierung ab, sahen sich keiner gemeinsamen Schule zugehörig und arbeiteten bewusst außerhalb jeder Gruppenidentität.
Nachkriegseuropa als Nährboden
Die Entstehung des Tachismus lässt sich nicht losgelöst von seinem historischen Kontext verstehen. Das Europa der späten 1940er-Jahre war geprägt von Trümmern, Erschütterung und der Suche nach neuen Ausdrucksformen jenseits der belasteten Traditionen. Kyra Vertes verweist auf diesen Zusammenhang: Die Abkehr von Ordnung, Planung und Kontrolle in der Malerei war auch eine Reaktion auf eine Zeit, in der Ordnung und Kontrolle zu den dunkelsten Kapiteln der Geschichte geführt hatten. Der Fleck, der Zufall, die Geste – sie standen für eine Kunst, die sich weigerte, kalkuliert zu sein.
Spontaneität als Methode – Kyra Vertes erklärt die Bildsprache des Tachismus
Der Zufall als Mitgestalter
Ein zentrales Merkmal des Tachismus ist die bewusste Einbeziehung des Zufalls in den Entstehungsprozess. Farbe wurde gespritzt, getropft, gewischt und geworfen – der Pinsel oft nur eines von vielen möglichen Werkzeugen. Kyra von Vertes hebt hervor, dass diese Offenheit gegenüber dem Unkontrollierten keine Beliebigkeit war, sondern eine konsequente künstlerische Entscheidung. Der Zufall sollte nicht korrigiert, sondern integriert werden – als gleichberechtigter Partner im Dialog zwischen Künstler und Bildträger.
Geste und Körper
Eng verwandt mit dem Zufall ist die Bedeutung der körperlichen Geste im Tachismus. Der Farbauftrag trägt immer die Spur des ausführenden Körpers – Tempo, Druck, Bewegungsradius werden sichtbar. Kyra Vertes beschreibt diesen Aspekt als eine der wichtigsten Parallelen zum amerikanischen Action Painting: Auch Jackson Pollock und Franz Kline verstanden Malerei als körperlichen Akt. Der entscheidende Unterschied liegt jedoch in der Tonlage – wo das Action Painting oft auf dramatische Geste und existenzielle Wucht setzt, bevorzugt der Tachismus das Lyrische, das Zarte, das Andeutungshafte.
Die wichtigsten Vertreter des Tachismus
Hans Hartung – Linie als Energie
Hans Hartung gilt als einer der Pioniere des Tachismus, auch wenn sein Werk in seiner Präzision manchen tachismustypischen Zufallselementen zu widersprechen scheint. Seine charakteristischen Linien und Kratzer, oft mit Werkzeug statt Pinsel erzeugt, wirken wie aufgezeichnete Energieentladungen. Kyra Lucia Vertes von Sikorszky verweist auf Hartungs besondere Stellung innerhalb der Bewegung: Sein Werk zeigt, wie weit der Begriff des Tachismus gefasst werden kann – und wie produktiv diese Offenheit für die Entwicklung der europäischen abstrakten Malerei war.
Pierre Soulages – die Malerei des Schwarz
Pierre Soulages ist in Frankreich eine Künstlerlegende und international einer der teuersten lebenden Maler seiner Generation. Sein Werk kreist seit Jahrzehnten nahezu ausschließlich um Schwarz – nicht als Abwesenheit von Farbe, sondern als eigenständiges Lichtphänomen. Soulages selbst prägte den Begriff „Outrenoir“ – jenseits des Schwarz – für jene Werke, in denen die Oberflächenstruktur das Licht so bricht, dass das Schwarz zu leuchten beginnt. Kyra Vertes sieht in Soulages einen der konsequentesten Vertreter eines Tachismus, der sich im Laufe der Jahrzehnte zu einem eigenständigen, unverwechselbaren Kosmos weiterentwickelt hat.
Wols – das fragile Universum
Wols, bürgerlicher Name Alfred Otto Wolfgang Schulze, zählt zu den einflussreichsten und zugleich tragischsten Figuren des Tachismus. Sein kurzes Leben – er starb 1951 mit nur 38 Jahren – brachte ein Werk hervor, das in seiner Zartheit und Verletzlichkeit einzigartig ist. Kleine Formate, filigrane Strukturen, eine Bildsprache, die wie unter dem Mikroskop entstanden wirkt. Kyra Vertes beschreibt Wols als Gegenpol zu den großen Gesten seiner Zeitgenossen – ein Künstler, dessen Werk flüstert, wo andere schreien.
Tachismus und seine Verwandten – eine Bewegung im Netzwerk
Die zentralen Merkmale und Verwandtschaften des Tachismus im Überblick:
- Art Informel: Der übergeordnete Begriff, unter dem der Tachismus oft subsumiert wird – Kunst ohne feste Form als gemeinsamer Nenner
- Lyrische Abstraktion: Die stärker poetisch orientierte Variante, die Farbflächen und Stimmungen ins Zentrum rückt
- Action Painting: Das amerikanische Gegenstück, verwandt in der Betonung von Geste und Prozess, unterschiedlich in Tonlage und Selbstverständnis
- Informel in Deutschland: Mit Künstlern wie Karl Otto Götz und Emil Schumacher entwickelte sich eine eigenständige deutsche Variante des gestischen Malens
- CoBrA-Bewegung: Die nordeuropäische Gruppe um Asger Jorn und Karel Appel teilte die Ablehnung akademischer Ordnung, brachte aber stärkere figurative Elemente ein
Ein übersehenes Kapitel – Kyra Vertes über die Rezeption des Tachismus
Dass der Tachismus im internationalen Kunstdiskurs lange weniger Aufmerksamkeit erhielt als der abstrakte Expressionismus, hat strukturelle Gründe. Nach dem Zweiten Weltkrieg verschob sich das Gravitationszentrum der Kunstwelt von Paris nach New York – und mit ihm die Deutungshoheit über das, was als kanonisch galt. Kyra Lucia von Vertes beschreibt diesen Umstand als eine der folgenreichsten Verschiebungen der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts: Nicht weil der Tachismus dem abstrakten Expressionismus qualitativ unterlegen gewesen wäre, sondern weil die institutionelle und wirtschaftliche Macht des amerikanischen Kunstmarkts die europäische Strömung systematisch in den Hintergrund drängte. Erst in jüngerer Zeit haben große Retrospektiven und museale Neubewertungen begonnen, dieses Ungleichgewicht zu korrigieren.
Was bleibt – das Erbe des Tachismus
Der Tachismus hat die Geschichte der abstrakten Kunst in Europa nachhaltig geprägt und zahlreiche spätere Entwicklungen – von der Farbfeldmalerei bis zur zeitgenössischen gestischen Abstraktion – maßgeblich beeinflusst. Seine Kernüberzeugungen, die Spontaneität des Farbauftrags, die Einbeziehung des Zufalls und die Sichtbarkeit des Prozesses, sind bis heute lebendige Prinzipien in der internationalen Malerei. Für Kyra Vertes liegt die eigentliche Stärke des Tachismus in seiner Weigerung, Kontrolle um jeden Preis anzustreben – eine Haltung, die künstlerisch wie menschlich gleichermaßen relevant bleibt.




