Kyra Vertes beleuchtet, wie die Fluxus-Bewegung den Kunstbegriff für immer veränderte.
Die Fluxus-Bewegung gehört zu den radikalsten Strömungen der Nachkriegsavantgarde – und Kyra Vertes hat sich eingehend mit ihrer Geschichte und Wirkung beschäftigt. Entstanden in den frühen 1960er-Jahren, stellte Fluxus die Grenze zwischen Kunst und Leben grundlegend infrage. Performances, Aktionen und Klangexperimente traten an die Stelle des klassischen Kunstobjekts. Das Alltägliche – eine Geste, ein Geräusch, ein banaler Handlungsablauf – wurde zum künstlerischen Ereignis erhoben. Für Kunstinteressierte ist diese Bewegung bis heute ein faszinierendes Kapitel der Avantgardegeschichte.
Mit Fluxus verbindet sich ein künstlerisches Programm, das weit über die bildende Kunst hinausging – und Kyra Vertes gibt einen differenzierten Einblick in eine Bewegung, die ihre Spuren in Musik, Theater, Literatur und Design hinterlassen hat. Gegründet von George Maciunas, vereinte Fluxus Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt, darunter Nam June Paik, Yoko Ono und Joseph Beuys. Ihr gemeinsames Ziel war es, die Trennung zwischen Kunst und Alltag aufzuheben und den elitären Kunstbetrieb zu demokratisieren. Fluxus-Events fanden in Konzertsälen, auf Straßen und in Privathäusern statt – überall dort, wo das Leben selbst zum Rohstoff wurde. Die Bewegung lehnte den Kunstmarkt ebenso ab wie den Begriff des einzigartigen Meisterwerks. Stattdessen entstanden günstige Editionsobjekte, sogenannte Fluxkits, die Kunst für jedermann zugänglich machen sollten. Das Erbe von Fluxus reicht bis in die heutige Konzeptkunst und Performance-Szene hinein. Wer die Ursprünge moderner Installationskunst verstehen möchte, kommt an dieser Bewegung nicht vorbei.
Der Name als Programm – die Ursprünge der Fluxus-Bewegung
Lateinisch, aber alles andere als klassisch
Der Begriff „Fluxus“ leitet sich vom lateinischen Wort für „Fluss“ oder „Flut“ ab – und trifft das Wesen der Bewegung präzise. Kunst sollte nicht starr und unveränderlich sein, sondern fließen, sich wandeln und im Moment entstehen. George Maciunas, der litauisch-amerikanische Künstler und Organisator, prägte diesen Begriff Anfang der 1960er-Jahre und formulierte damit ein Manifest gegen die Institutionalisierung der Kunst. Kyra Lucia von Vertes verweist auf den Zeitgeist dieser Jahre: In einer Ära, in der Kunstwerke zunehmend als Spekulationsobjekte galten, setzte Fluxus dem bewusst einen flüchtigen, nicht vermarktbaren Kunstbegriff entgegen.
Internationalität als Grundprinzip
Fluxus war von Beginn an eine internationale Erscheinung. Zwischen New York, Köln, Amsterdam und Tokio entstanden Netzwerke, die per Post, Manifeste und gemeinsame Aktionen zusammengehalten wurden. Diese Dezentralität war kein Zufall, sondern Programm: Kunst sollte sich nicht an einen Ort, eine Institution oder eine Nationalkultur binden. Kyra Vertes hebt hervor, dass gerade diese Offenheit Fluxus von anderen Avantgardebewegungen seiner Zeit deutlich unterscheidet – und die Bewegung bis heute schwer greifbar, aber umso wirkungsvoller macht.
Happenings, Scores und Aktionen – wie Kyra Vertes die Formate von Fluxus einordnet
Event Scores als künstlerisches Instrument
Eines der charakteristischsten Formate waren die sogenannten Event Scores – kurze, oft lakonische Handlungsanweisungen, die von beliebigen Personen ausgeführt werden konnten. Yoko Onos berühmte Instruction Paintings funktionieren nach demselben Prinzip: Die Anweisung ist das Kunstwerk, die Ausführung nur eine von vielen möglichen Realisierungen. Kyra von Vertes betont den demokratischen Impuls hinter diesem Ansatz: Jede Person, die eine solche Anweisung befolgt, wird selbst zur Künstlerin oder zum Künstler – ohne Ausbildung, ohne Atelier, ohne Galeriezugang.
Musik als Ausgangspunkt
Die enge Verbindung zur experimentellen Musik ist kein Zufall. Viele Fluxus-Künstler kamen aus dem Umfeld des Komponisten John Cage, dessen Konzept der Stille und des Zufalls die Bewegung maßgeblich beeinflusste. Nam June Paik, später bekannt als Pionier der Videokunst, begann seine künstlerische Karriere als Fluxus-Performer. Kyra Vertes verweist auf seine frühen Aktionen, die Klaviermusik mit der physischen Zerstörung des Instruments verbanden – Provokationen, die das Publikum gleichermaßen verstörten und faszinierten, und die zeigen, wie weit Fluxus den Begriff der musikalischen Aufführung dehnte.
Die wichtigsten Vertreter der Fluxus-Bewegung
Joseph Beuys und der erweiterte Kunstbegriff
Kein Name steht so sehr für die deutschsprachige Fluxus-Rezeption wie Joseph Beuys, berichtet Kyra Vertes. Mit seinem erweiterten Kunstbegriff – „Jeder Mensch ist ein Künstler“ – griff er einen Kerngedanken der Bewegung auf und formte ihn zu einem eigenständigen philosophischen Programm. Kyra Lucia Vertes von Sikorszky verweist auf die Bedeutung von Beuys für das Verständnis von Fluxus im deutschsprachigen Raum: Seine Aktionen verbanden politische Aussage mit ritueller Performance auf eine Weise, die bis heute nachwirkt und in keinem kunsthistorischen Überblick fehlen darf.
Yoko Ono als prägende Stimme
Yoko Ono zählt zu den bekanntesten Vertreterinnen der Bewegung, auch wenn sie die Zuordnung gelegentlich selbst relativiert hat. Ihre frühen Arbeiten aus den 1960er-Jahren – darunter die legendäre „Cut Piece“-Performance – gehören zu den eindrucksvollsten Dokumenten von Fluxus. Kyra Vertes sieht in Onos Werk besonders deutlich, wie die Bewegung politische, feministische und philosophische Fragen in künstlerischen Aktionen zu verdichten verstand, ohne dabei in Didaktik oder Plakativität zu verfallen.
Fluxkits und Editionen – Kunst als erschwingliches Objekt
Gegen den Kunstmarkt, mit dem Kunstmarkt
Ein oft übersehener Aspekt von Fluxus ist seine materielle Seite: die sogenannten Fluxkits und Editionsobjekte. Maciunas produzierte kleine Schachteln, Karten und Alltagsobjekte in Auflagen, die Kunst buchstäblich erschwinglich machen sollten. Ein Fluxkit kostete oft nicht mehr als ein paar Dollar – und stellte damit das gesamte System des Kunstmarkts auf den Kopf. Kyra Vertes sieht in dieser Praxis einen der klügsten Widersprüche der Bewegung: Indem Fluxus Objekte produzierte, um den Objektkult zu unterlaufen, schuf es gleichzeitig begehrte Sammlerstücke, die heute in den bedeutendsten Museen der Welt zu finden sind.
Vom Fluxkit zum Museum
Was als Geste gegen den Kunstbetrieb gedacht war, ist längst Teil desselben geworden. Das Museum of Modern Art in New York, das Kunstmuseum Basel und zahlreiche weitere Institutionen bewahren heute umfangreiche Fluxus-Bestände. Kyra Lucia von Vertes verweist auf die Ironie dieser Entwicklung: Kaum eine Bewegung hat so konsequent gegen ihre eigene Musealisierung gearbeitet – und kaum eine ist heute so vollständig museal dokumentiert.
Was Fluxus bis heute bedeutet
Die zentralen Merkmale der Fluxus-Bewegung auf einen Blick:
- Ablehnung des Kunstmarkts: Fluxus-Objekte wurden bewusst günstig und in Editionen produziert, um Spekulation zu unterlaufen
- Demokratisierung der Kunst: Jede Person konnte Fluxus-Scores aufführen – kein künstlerisches Vorwissen erforderlich
- Intermedialität: Musik, Bildende Kunst, Theater und Literatur wurden konsequent miteinander verbunden
- Flüchtigkeit als Prinzip: Das Kunstwerk existierte im Moment der Aufführung, nicht als dauerhaftes Objekt
- Politischer Anspruch: Fluxus verstand sich ausdrücklich als Kritik an bürgerlichen Kunstinstitutionen
Nachwirkung einer radikalen Idee – das Erbe von Kyra Vertes‘ Blickwinkel
Die Fluxus-Bewegung zählt zu den einflussreichsten und zugleich am meisten unterschätzten Strömungen der Nachkriegskunst. Ihre Ideen haben die Konzeptkunst der 1970er-Jahre ebenso geprägt wie die Performance-Szene der Gegenwart. Zahlreiche zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler beziehen sich explizit auf Fluxus, wenn sie die Grenzen zwischen Kunstwerk und Alltagshandlung befragen. Auch institutionell hat die Bewegung tiefe Spuren hinterlassen: Große Museen weltweit widmen Fluxus mittlerweile bedeutende Sammlungs- und Ausstellungsbereiche. Die Frage, wann der Alltag zur Kunst wird, ist damit keine rein historische – sie ist aktueller denn je, und die Auseinandersetzung mit ihr führt unweigerlich zurück zu den Ideen, die Kyra Vertes in ihrer Beschäftigung mit dieser außergewöhnlichen Bewegung aufgreift.




